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Produktion 2003: Der nackte Wahnsinn

Presseberichte

 

Die  schreibt:

Mit der Farce «Der nackte Wahnsinn» hat sich die Volksbühne Cham ein schwieriges Stück vorgenommen. Und hat es gut gemeistert.

von Esther Nüssli

Ein modernes, schickes Wohnzimmer hinter einem alten, teuer renovierten Gemäuer präsentierte sich den Zuschauerinnen und Zuschauern im voll besetzten Lorzensaal, nachdem sich am Samstagabend der Vorhang über der Premiere von «Der nackte Wahnsinn» geöffnet hatte.Mit dieser Stückwahl, einer Farce aus dem englischen Sprachraum vom 1933 in London geborenen Michael Frayn, tat die traditionsreiche Chamer Volksbühne bewusst einen Schritt in eine neue Spielrichtung, was Mut erforderte, und wählte dafür ein äusserst schwieriges Stück - beinahe waghalsig. Um es vorwegzunehmen: Regie sowie Spielerinnen und Spieler haben sich den Hals dabei nicht gebrochen.
Wie Musiker bei einer Probe
Schwierig an dem Stück ist insbesondere, dass es ein Stück Theater im Theater zeigt; sozusagen ein Theaterstück von hinten. Im ersten Akt sieht man die Akteure zwischen den schicken Möbeln bei der Generalprobe ihres Stücks, das in wenigen Stunden Premiere haben soll. Frau Odermatt, die Haushälterin, will sich eben mit einem Teller Sardinen vor dem Fernsehen niederlassen, um das Begräbnis vom «Dingsda, der überall in der Zeitung ist», anzusehen, als unversehens der Makler, der das Haus verkaufen soll, eindringt. Allerdings nicht allein, sondern mit seiner Geliebten, einer Angestellten des Steueramtes. Gleich darauf treffen auch die in Spanien geglaubten rechtlichen (noch) Hausbesitzer ein, auch mit der Absicht, sich mal in Ruhe und unbehelligt vom Steuervogt ein Schäferstündchen zu gönnen. Natürlich läuft dies nicht so glatt ab wie oben erzählt: Immer wieder vergisst jemand den Text oder verpasst jemand seinen Auftritt. Die Spielenden müssen also Szene um Szene wiederholen, immer wieder mitten im Bewegungsspiel und Text innehalten und wie Musiker in einer Probe bei Takt x neu einsetzen. Was eine enorme Konzentration fordert, die das Chamer Ensemble geschlossen aufbrachte.
Blick hinter die Kulissen
Der zweite Akt zeigt den gleichen Stückausschnitt von hinten - die Zuschauenden konnten nun mitverfolgen, was sich während des Spiels hinter den Kulissen abspielt. Das ist eine ganze Menge mehr als vorn: Da wird klar, dass sich das Bühnenliebespaar eigentlich von Herzen unsympathisch ist und dass die Liebschaften kreuz und quer durch die Truppe wechseln; Eifersucht wird listig und handgreiflich ausgetragen; Diven schliessen sich in Garderoben ein, und der Trinker versteckt überall seine Notrationen. Der dritte Akt dreht das Spiel wieder um und zeigt, was nach einiger Routine aus dem Stück geworden ist: Es hat sich total verselbstständigt, und alle spielen aneinander vorbei. Während des ersten Aktes war den Chamer Spielerinnen und Spielern das Premierenfieber anzumerken; sie spielten etwas verhalten und mit einer Spur zu wenig Tempo. Im zweiten Akt schien es, als hätten sie den vollen Saal zu ihren Füssen vergessen; sie spielten spontan und ungezwungen und wurden dem Stück nun vollauf gerecht. Das Tempo stimmte, und die vielen kleinen, vom Timing her schwierigen Gags gelangen exakt und wirkten echt. Im dritten Akt konnte das Team diesen Spannungsbogen nicht mehr vollauf durchziehen.
Regisseur Moritz Schneiter ist es gelungen, die neun Spielerinnen und Spieler zu einem ausgewogenen Ensemble zusammenzuführen. Die Rollen sind im Grossen und Ganzen stimmig besetzt: Esther Bucheli meistert das Spiel zwischen feuriger Geliebter und gleichgültiger Zickigkeit bestens, Martin Kaufmann gibt den cholerischen Roger Trampelmann überzeugend und meistert sogar eine Herzattacke auf der Bühne. Simon Weimers komplizierter Philip Brent überzeugt, und Beatrice Kälin-Hophans nie erlahmende "Hilfsbereitschaft als Spielerin und als praktisch veranlagte Flavia Brent auf der Bühne entspricht dem Typ. Heinz Bähler zeichnet den glücklosen Inspizienten mit Einfühlungsvermögen und Rolf Rebmann den alkoholsüchtigen Einbrecher ungekünstelt. Natalie Grond gibt die Figur der hinter die Bühne gedrängten Regieassistentin stimmig. Auch Beatriz Mondins Spiel als Frau Odermatt ist nicht zu kritisieren; einzig, dass sich der Zuschauer stets fragt, wie so eine junge Frau schon seit Generationen Haushälterin bei der Familie Brent sein kann, wie mehrmals herausgestrichen wird. Vielleicht hätte sie auf der Bühne auf Alt geschminkt sein müssen und hinter der Bühne (wo sie tatkräftig an den Liebeswirren mitstrickt) auf Jung - was wohl technisch nicht machbar war. Franz Kaufmann bildet als Regisseur den ruhenden Pol im Chaos, er tut dies mit Sarkasmus und einer Ruhe, die man ihm nicht immer abnimmt: Bei so einem Durcheinander müsste doch einer einmal ausrasten.
Zwei vergnügliche Stunden
Ein weiteres Detail, das nicht stimmt: Die Übersetzung (aus den Unterlagen geht nirgends hervor, wer sie besorgt hat) lehnt sich mit den Wiederholungen von «mein Schatz...» und «Herzchen.» stark ans Englische an. Da hätte die Regie streichen oder sich etwas Alemannischeres einfallen lassen sollen. Wie gesagt: Details. Denn als Ganzes stimmt die Chamer Aufführung und bereitet jenen, die sie besuchen, mehr als zwei äusserst vergnügliche Stunden.

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